
Ich stand in meinem Wohnzimmer und starrte auf die leere Ecke neben dem Fenster. Sie war genau einen Meter breit und einen Meter zwanzig lang, ein Fleckchen, das zu klein für einen Esstisch und zu schräg für einen Kleiderschrank war. Zwei Jahre lang stellte ich dort nur die Gießkanne ab und stapelte ungelesene Magazine. Dann kam der Winter, ich kaufte mir einen dicken Wollpullover und dachte: Warum nicht hier eine Leseecke bauen? Nicht diese aufgeräumten Pinterest-Bilder, sondern einen echten Ort, wo man mit einer Tasse Tee und einem Krimi versinken kann. Die Herausforderung war sofort klar: Es musste gemütlich sein, aber auch praktisch, denn meine Wohnung hat nur 45 Quadratmeter.
Die Grundlage jeder Leseecke ist der Sitzplatz. Ich entschied mich für eine kompakte Chaiselongue mit einer Liegefläche von 140 mal 190 Zentimetern, die nachts als Gästebett dient. Das Besondere war der integrierte Stauraum: Die Sitzfläche klappte hoch und gab ein riesiges Fach frei, in dem ich vier Winterdecken und zwei Kopfkissen verstauen konnte. So hatte ich endlich einen Platz für die sperrige Bettwäsche, die bisher im Schrank nur Platz wegnahm. Die Chaiselongue war mit einem weichen Bouclé-Stoff bezogen, der sich leicht saugend anfühlte, aber nicht fusselte. Und das Beste: Sie kostete keine 400 Euro, weil ich ein Ausstellungsstück ergatterte.
Weil ich oft zu lesen vergesse und dann auf dem Sofa einschlafe, baute ich die Ecke so, dass sie auch zum Schlafen taugt. Ich kaufte eine dünne, aber feste Matratzenauflage aus Kaltschaum mit 5 Zentimetern Höhe, die das Liegen angenehmer machte als die reine Polsterung. Darunter hatte die Chaiselongue einen richtigen Lattenrost aus massiven Buchenholzleisten, der die Luft zirkulieren ließ. Für Übernachtungsgäste ist das optimal: Sie klappen einfach die Chaiselongue aus, legen das mitgelieferte Spannbetttuch drüber und schon haben sie eine vollwertige Schlafgelegenheit. Kein Zusammenfalten von Schaumstoffmatratzen, kein Ärger mit durchgelegenen Stellen.
Die Beleuchtung wurde zur zweiten großen Baustelle. Die Ecke lag genau zwischen zwei Fenstern, sodass morgens und abends das Licht seitlich einfiel. Eine klassische Stehleiste war zu dominant für den kleinen Raum. Ich montierte stattdessen eine schwenkbare Wandleuchte mit einem langen Arm, die ich die Schulterposition drehen konnte. Die Lampe hatte einen Dimmer, den ich von warmweiß bis kaltweiß einstellen konnte. Zum Lesen von dicken Romanen reichte die volle Helligkeit, für entspanntes Blättern in Zeitschriften mochte ich das warme Licht lieber. Der Schalter war ein kleiner Hebel am Kabel, den man blind erreicht.
Nun zum Thema Stauraum, der echten Königsdisziplin in meiner Wohnung. Ich kaufte einen schmalen Beistelltisch aus hellem Eichenfurnier mit zwei Schubladen. In die obere kam meine Brille, Lesezeichen und ein kleiner Notizblock. In die untere Schublade passten eine Decke, die ich im Winter brauchte, und eine Wärmflasche aus Keramik. Auf der Tischplatte stand eine Kerze aus Bienenwachs und ein Stapel von drei Büchern, die ich gerade las. Kein Krimskrams, nur das Nötigste. Der Tisch war so niedrig, dass er nicht die Sicht auf die Bücher nahm, aber hoch genug, um eine Tasse darauf abzustellen.
Die dritte Komponente war der Bodenbelag. Ich legte einen großen Wollteppich in Beige und Grau aus, der 140 mal 200 Zentimeter maß und die ganze Leseecke definierte. Er war dick genug, um barfuß darauf zu stehen, aber nicht so flauschig, dass der Staubsauger Probleme bekam. Darunter hatte ich eine rutschfeste Unterlage aus Gummi gelegt, denn die Dielen waren alt und glatt. Der Teppich absorbierte auch die Schritte aus der Wohnung über mir, was die Leseecke noch ruhiger machte. Wenn ich abends dort saß, hörte ich nur das leise Knacken der Heizung und das Rascheln der Seiten.
Die letzten Details kamen hinzu, als ich merkte, dass die Ecke noch etwas Persönlichkeit brauchte. Ich hängte zwei kleine Regalbretter über die Chaiselongue, auf denen ich meine Lieblingsbücher ausstellte. Ein schmaler Vorhang aus Leinen mit einem unregelmäßigen Webmuster trennte die Leseecke optisch vom Rest des Raums, wenn ich sie schließen wollte. Der Vorhang war nicht ganz blickdicht, aber er schuf eine Höhle, in der ich mich geborgen fühlte. Daneben stellte ich einen kleinen Korb aus Peddigrohr für die Fernbedienung und das Ladekabel meines E-Readers. Alles hatte seinen Platz, nichts lag herum.
Inzwischen ist die Leseecke mein Lieblingsort in der ganzen Wohnung. Sie hat mir geholfen, den Raum viel besser zu nutzen, ohne dass er überladen wirkt. Die Chaiselongue mit dem Stauraum hat viele meiner Alltagsprobleme gelöst: Ich muss keine Decken mehr im Schrank quetschen, und wenn meine Schwester zu Besuch kommt, hat sie ein richtiges Bett. Die Leseecke ist kein perfekt geplantes Möbelstück, sondern ein Ort, der sich aus meinen Bedürfnissen entwickelt hat. Sie ist nicht groß, aber genau richtig für mich. Und wenn ich abends dort sitze, mit einer Tasse Pfefferminztee und einem Buch, vergesse ich manchmal völlig die Zeit.
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Tags: Tapetentrends